Historie der Mikrokredite

Trotz der bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts allgemein herrschenden Ansicht, der „Fuß der Wohlstandspyramide (bottom of the pyramid, kurz: BOP) sei für Unternehmen nicht attraktiv, hat der Ansatz Kleinstkredite an Mittel- und Besitzlose zu verleihen, eine lange Tradition. Seit dem Mittelalter gibt es in Westafrika beispielsweise rotierende Spar- und Kreditfonds, bei denen lose organisierte Spargruppen regelmäßig in eine gemeinsame Kasse zahlen, um reihum jeweils einen größeren Betrag leihen zu können.

Lokal gebundene Kreditgenossenschaften in Deutschland

Auch „in Deutschland gründeten verarmte Bauern und Handwerker Selbsthilfeorganisationen, aus denen später die Sparkassen, Raiffeisen- und Volksbanken hervorgingen.“(1) Diese zur damaligen Zeit kleinen und lokal gebundenen Kreditgenossenschaften nahmen Spareinlagen entgegen, vergaben Kleinkredite und zählten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts rund 1,4 Millionen Mitglieder.(2) Die Summe deutet auf das enorme Potential am BOP hin, das zugleich der indische Wirtschaftswissenschaftler Prahalad in seinem ökonomischen Denkansatz publizierte. Prahalad subsumierte, dass am BOP eine große Anzahl potentieller Unternehmer, Konsumenten sowie ein außerordentlicher Reichtum zu identifizieren sei. Das Problem liege einzig in der mangelnden Erschließung dieser Potentiale. Die selbstverantwortliche Beteiligung der Unternehmen an der Wertschöpfungskette setzt nämlich voraus, dass Möglichkeiten geboten werden müssen, in einkommensproduzierende Projekte zu investieren.(3)

Der Ansatz von Muhammad Yunnus

Einen Impuls in diese Richtung lieferte Muhammad Yunnus bereits Ende der 70er Jahre. Als Instrument der Entwicklungspolitik wurden Kleinst- bzw. Mikrokredite seitdem in vielen Entwicklungsländern populär.(4)

Die Entwicklungspolitik, die im Zuge der Entkolonialisierung entstand, befand sich in den 50er Jahren zunächst in einer Sackgasse. Da Wachstum jedoch nur stattfindet, wenn sich auch die Privatwirtschaft entfalten kann, wurden in vielen Ländern Entwicklungs- und Agrarbanken gegründet, um kleinen Unternehmen Investitionskapital zur Verfügung zu stellen. Diese verfehlten allerdings das Ziel, die Armut zu bekämpfen, da sie genauso wie kommerzielle Kreditgeber Sicherheiten von ihren Klienten erwarteten. Darüber hinaus zahlten die Entwicklungsbanken auch nicht rückzahlbare Zuschüsse zur Regionalentwicklung aus, die anstatt Eigeninitiative lediglich eine Empfängermentalität förderten.(5) Hinzu kam, „dass viel Geld in Bürokratie und Korruption versickerte – oder direkt in private Kanäle abgezweigt wurde.“(6)

Einen sinnvollerer Impuls Entwicklungsgelder zu nutzen, um Eigeninitiative zu fördern, wurde bei dem Forschungsprojekt „GRAMEEN BANK“ (übersetzt: „dörfliche Bank“) von Muhammad Yunnus gesetzt. Die GRAMEEN BANK wurde 1976 in Bangladesch gegründet. Ziel war und ist es, neben einem eigenen dauerhaften Bestand, der Ertragsorientierung und Unabhängigkeit, „den armen, landlosen und oftmals ungebildeten Menschen“(7) des ländlichen Raumes die Möglichkeit zu geben, ihren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Status zu verbessern.

Die Zielgruppe Frauen

Auffällig ist dabei die Anzahl weiblicher Kunden. Über 90 Prozent der Kreditempfänger sind mittlerweile Frauen, deren traditionell untergeordnete Rolle sich als entscheidender Vorteil erwies. Da sie mit dem Geld nicht nur finanzielle Unabhängigkeit, sondern auch Selbstachtung erlangten, war ihr Umgang damit verantwortungsvoller und zukunftsorientierter.(8)

Die Mikrokredite sind darüber hinaus bis heute – anders als die Kredite der Entwicklungsbanken – an strikte Bedingungen gebunden. Die Vergabe erfolgt ausschließlich an „Selbsthilfegruppen“ mit jeweils fünf Mitgliedern, wovon zunächst nur die ersten zwei einen Kredit erhalten. Nur bei pünktlicher Rückzahlung, können auch die anderen Geld aufnehmen. Die Mitglieder treffen und kontrollieren sich so regelmäßig und die GRAMEEN BANK erreicht dadurch fast hundertprozentige Rückzahlungsquoten.

Über die ausschließliche Bedienung dieser Zielgruppe und die strikten Bedingungen der Kreditvergabe gelang es, das Forschungsprojekt 1983 in ein eigenständiges Unternehmen und bis 2000 in die viertgrößte Bank von Bangladesch zu verwandeln. Die Folge des Erfolgs waren weltweit zahlreiche Nachahmer und eine Gründungswelle von Mikrokreditorganisationen, welche die von der GRAMEEN BANK erarbeiteten Standards als Erfolgsmodell für sich kopierten.

Öffentliches Interesse in Deutschland: 2005 - das Jahr des Mikrokredits

Auch in Deutschland stieg das öffentliche Interesse an Mikrokrediten, als die Deutsche Bank Stiftung einen bundesweiten Arbeitskreis initiierte, aus dem in den Folgejahren die ersten lokalen Modellprojekte entwickelt wurden. Mitinitiatoren waren die Bundesagentur für Arbeit und das Bundesministerium für Arbeit (BMA). Zudem wurde durch die Titulierung des Jahres 2005 zum „Jahr des Mikrokredits“ und durch die Verleihung des Friedensnobelpreises an Yunnus 2006 die Aufmerksamkeit vor allem in Westeuropa entfacht.


(1) http://www.berlin-institut.org/index.php?id=538&type=98, aufgerufen am 10.10.2010
(2) vgl. Burger (2010), S.5; vgl. Carboni et al. (2010), S.3
(3) vgl. Winter (2007), S.2
(4) vgl. Grasshoff (2003), S.293
(5) vgl. http://www.berlin-institut.org/index.php?id=538&type=98, aufgerufen am 10.10.2010;
vgl. Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (2007), S.44-46
(6) http://www.berlin-institut.org/index.php?id=538&type=98, aufgerufen am 10.10.2010
(7) Grasshoff (2003), S.298
(8) vgl. Winter (2007), S.39 ff.

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